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re-ment

Vor dem Hintergrund der geschlechtsspezifischen Segregation in Berufsfeldern der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), setzt das Projekt „re-ment“ auf einen innovativen neuen Ansatz: Reverse-Mentoring. Ein derartiges Konzept bietet neue Möglichkeiten, die Chancengleichheit von Mädchen zu fördern, indem es auf deren Ressourcen und Kompetenzen fokussiert und so zu einem Perspektivenwechsel bzw. der Dekonstruktion von Gender-Stereotypen in den IKT beiträgt.

Postkarte re_ment mit Stiften und Block
Postkarte re_ment (© studio*luxe)

Reverse Mentoring

Kern von re-ment ist, geschlechtsbezogene Rollenbilder und Vorstellungen von Schülerinnen, LehrerInnen und Eltern durch ein "umgekehrtes Mentoring", dem Reverse-Mentoring, zu verändern. Reverse-Mentoring wurzelt im klassischen Mentoring, das in der Regel eine Förderbeziehung zwischen einer erst in Ansätzen etablierten Person und einer erfahreneren Person meint. Dabei stellt Mentoring die individuellen Anliegen und Bedürfnissen der Mentees in den Vordergrund; MentorInnen unterstützen durch ihren Vorsprung an relevanter Erfahrung und Wissen, das in der Mentoring-Beziehung weitergeben wird. Ziel von Mentoring ist, Wissen darüber, was entscheidend und wichtig in einem bestimmten institutionellen Setting ist, weiterzugeben. Dabei handelt es sich meist um "implizites" Wissen, das traditionellerweise informell und tendenziell an einige "Auserwählte" (oft bestimmte Männer) vermittelt wird.

Mentoring ist also eine Methode der Wissensvermittlung und der Nachwuchsförderung und findet, aus dem USA kommend, seit den 1990er Jahren verstärkt im deutschsprachigen Raum Anwendung. Die Zielgruppen umfassen dabei jede Lebensphase, von Schule, Studium und Berufsausbildung bis zu Berufseinstieg, Berufstätigkeit und Pension. In den letzten 15 Jahren wurde Mentoring vermehrt für die Verbesserung von Chancengleichheit von Mädchen und Frauen nutzbar gemacht. Schulen, Universitäten, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen etablierten zahlreiche Mentoringprogramme, um Mädchen und Frauen in ihren Karrieremöglichkeiten zu unterstützen.

Mentoringprogramme sind ein Gegenstück zu den "old boys networks" die von "male homosociability" geprägt sind, also von der der Wissensweitergabe von etablierten zu jüngeren Männern. Über Mentoring wird für Mädchen und Frauen ein Zugang zu inhaltlichem und vor allem auch strategischem Wissen ermöglicht, von dem viele von ihnen aufgrund homosozialer Förderbeziehungen ausgeschlossen sind.

Auch im Bereich Technik, IKT und Naturwissenschaften ist die Vielfalt von Mentoringprogrammen für Mädchen und Frauen sehr groß, da hier die Notwendigkeit, fördernde Maßnahmen zu setzen, aufgrund des geringen Frauenanteils besonders hoch ist. Zielgruppen sind Schülerinnen, Studentinnen und Frauen im Berufsleben, hier besonders Wissenschafterinnen. Zielsetzung ist, der geschlechterstereotypen Berufswahlentscheidung und Karriereentwicklung, die zur bereits beschriebenen Segregation in den Berufsfeldern führt, entgegenzuwirken.

Mentoringprogramme fördern den Zugang zu technischen und naturwissenschaftlichen Ausbildungen sowie den Verbleib in diesen Arbeitsfeldern, sie unterstützen Mädchen und Frauen in männerdominierten Bereichen über die Mentoringbeziehung. Der Effekt von Mentoring ist dabei bedeutend, stellvertretend für viele Befunde sprechen die Mentees des ADVANCE Mentoringprogramms, sie haben "(…) received support, stimulation and encouragement, gained self-confindence, confidence in their skills and self-knowledge, better understanding of career development and options (…)". Bei Mentoringprogrammen im schulischen Bereich zeigt sich, dass diese sich allgemein positiv auf die schulische Leistung und auch auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen auswirken.

Kritikpunkte

Neben diesen positiven Auswirkungen gibt es aber auch kritische Betrachtungen. Ein zentraler Aspekt von Kritik und Kontroverse ist, dass Mentoringprogramme – wie Frauenförderungsprogramme allgemein – "nur" am Individuum ansetzen. Es handelt sich dabei um Maßnahmen der Individualförderung, die Mädchen oder Frauen ins Zentrum stellen und bei vermeintlichen Defiziten und Schwächen ansetzen. Selbstredend besteht Konsens darüber, dass diese Defizite, dieses Förderungsbedürfnis nicht individuelle, sondern strukturelle Ursachen haben. Dass sich die Segregation in der Berufswahl so hartnäckig hält, ist keineswegs in individuellen Schwächen, sondern in gesellschaftlichen Rollenbildern und Sozialisationsprozessen begründet. Dennoch wird an Mädchen- und Frauenförderungsprogrammen wie Mentoring kritisiert, "(…) that women only (WO) programmes focus on 'fixing the women' to better fit the gendered status quo without addressing the need for organisational cultures and practices to be transformed. Hier weitergedacht setzen "traditionelle" Förderungsprogramme von Mädchen mit dem Ziel, den Anteil von Frauen in technischen Berufen zu steigern, verkürzt gesagt daran an, den Mädchen beharrlich zu erklären, dass sie mit ihren Wünschen, Neigungen und Zukunftsvorstellungen falsch liegen.

Darüber hinaus birgt Mentoring die Gefahr, dass gerade im schulischen Bereich Hierarchien und damit auch geschlechterspezifische Machtverhältnisse reproduziert werden. Mentoring wird dabei in der Praxis oft auf ein bloßes "apprenticeship model" reduziert, bei dem junge, unerfahrene Mentees bei älteren ExpertInnen Rat suchen. Neuere Sichtweisen von Mentoring legen aber nahe, dass Mentoring die Wechselseitigkeit und Komplexität der Beziehung zwischen MentorIn und Mentee stärker beachten muss, um die darin enthaltenen hierarchischen Strukturen nicht zu übernehmen.

Reverse-Mentoring greift diese beiden Kritikpunkte auf und eröffnet im Gegensatz dazu eine komplett neue Perspektive in der Chancengleichheit von Mädchen in der Berufswelt. Anders als beim klassischen Mentoring ist es beim Reverse-Mentoring genau umgekehrt: "ältere" Mentees lernen von "jungen" MentorInnen. Beim Reverse-Mentoring ist der/die Mentee die "lebenserfahrenere" Person, in Bezug auf das Mentoringziel jedoch unbedarft. Der/die MentorIn ist jünger als der/die Mentee, jedoch ExpertIn in einem speziellen Bereich. Mit diesem Ansatz verlieren sowohl der Fokus auf die vermeintlichen Defizite der Mentees wie auch die Auswirkungen von hierarchischen Positionen an Relevanz.

Ziele

Ziele des Reverse-Mentoring beziehen sich häufig auf aktuelle technische Entwicklungen wie dem Umgang mit Social Media oder dem generellen Einsatz von IT im Alltag. Diesen Zielsetzungen folgend ist Reverse-Mentoring international eine erprobte und vielfach angewandte Methode, bislang jedoch vor allem in Organisationen als Managementtool und Personalentwicklungsmaßnahme zu finden.

Das Projekt re-ment greift diesen Ansatz auf und macht ihn für das Ziel, Schülerinnen für technische Berufe zu interessieren und Rollenbilder bzw. stereotype Vorstellungen über berufliche Lebensentwürfe zu dekonstruieren, nutzbar. Dies ist ein hochgradig neuer und innovativer Ansatz. Beispiele für Reverse-Mentoring an Schulen gibt es bislang nur vereinzelt und wenn überhaupt dann international, z.B. "The Olympia approach to reverse mentoring is to pair students with a partner-teacher at their school". Einigkeit besteht über das große Potential von Reverse-Mentoring für die innovative Weiterentwicklung von Bildungssettings.

Gerade für die IKT erscheint ein derartiger Ansatz sehr vielversprechend, wenn das Computer-Nutzungsverhalten von Jugendlichen und auch die die deutlichen Alterseffekte im Hinblick auf IKT-Kompetenzen berücksichtigt werden. So zeigt die österreichische Auswertung der PIAAC-Studie, dass der Anteil bei älteren Jahrgängen in den niedrigeren Kompetenzstufen deutlich größer ist als bei jüngeren Personen. Laut der aktuellen JIM-Studie liegt der Anteil der Internet NutzerInnen bei 12 bis 19-jährigen bei 94 %. Mädchen im Alter von 16 bis 17 nutzen das Internet zu 83 % täglich oder zumindest mehrmals pro Woche. Dabei stellen die Nutzung von Online Communities, Mailen, Chatten, Skypen oder Spielen typische Aktivitäten dar.